Wettkämpfe  

31.12.2016 OTB Silvester-Lauf

Landesliga--Wettkämpfe

www.laufen-os.de

   

Sponsoren  

   

Trainingszeiten  

Dienstag - Lauftraining

19-20:30Uhr - Sportpark Gretesch

Mittwoch - Schwimmtraining

20-21:30Uhr - Schinkelbad

Samstag - Schwimmtraining

9-10:30Uhr - Nettebad

Samstag - Radtraining

14 Uhr Start - Sportpark Gretesch

  PROBE-TRAINING

JEDERZEIT MÖGLICH!

   

TSG Gesamtverein  

   
Into the Wild – 4 Tage ein Cherusker

Es begann ganz harmlos, ich hatte meine liebe Iron-Freundin Marita am Telefon. Ich: „Kommst Du Himmelfahrt mit zum Yoga-Festival?“ Sie: „Ne, da plant mein Mann so eine verrückte Mountainbike-Tour mit mir…“ Ich: „Ach, verrückt…?“ Sie: „Ja, 500 Kilometer oder so durch den Teutoburger Wald, vielleicht wäre das ja auch was für Dich?“

Das war es tatsächlich. Keine 4 Wochen vergingen zwischen diesem Gespräch und dem Eintreffen von Marita, ihrem Mann Thomas und mir an der Startlinie des „Cherusker 500“ am vergangenen Himmelfahrts-Donnerstag. Mein neues Hardtail-29er-Mountainbike „Big Apple“ war gesattelt: vorne am Triathlonauflieger hatte ich Schlafsack und Isomatte in einer Drybag verschnürt, in der großen Satteltasche steckten Tarp, Zahnbürste und KEIN Ersatzschlauch – zu kurzfristig war mir aufgefallen, dass ich ja nun ein 29er statt eines 26er Mountainbikes fuhr! Naja, immerhin hatte ich eine Probefahrt mit dem Rad gemacht, was ich eine Woche zuvor bei eBay Kleinanzeigen für 600 Euro erstanden hatte, und meinen bequemen Sattel vom Rennrad umgeschraubt. Es konnte also losgehen! Insgesamt fanden sich circa 25 wagemutige Bikepacker (Bikepacking: Mehrtagestour mit leichtem Gepäck, self-supported) am Weseranleger in Bad Oeynhausen ein, neben Marita und mir nur eine weitere Dame. Neugierig wurden Bikes und Bärte der Mitfahrer beäugt. Bei Espresso und Vor-Finisher-Kuchen wurden noch die aktuellen Streckenhinweise und Frotzeleien ausgetauscht, bevor wir gemeinsam übersetzten. Gemütlich rollten wir eine halbe Stunde dahin, bis der erste Anstieg gleich mal mit einer ewig langen und steilen Treppe ein Zeichen für das setzte, was da noch kommen sollte. Die vollbeladenen Bikes geschultert, waren die einzigen Klamotten für die nächsten 4 Tage schnell verschwitzt und ich froh, als ich mich vom Gipfel eine erfrischende Abfahrt hinabstürzen konnte, ganz ins Gespräch mit 2 Mitfahrern vertieft. Doch schnell wurde uns klar, dass der zu fahrende GPS-Track so seine Tücken hatte, jedenfalls nie der Hauptweg zu wählen war %-) Und schon hatte ich Marita und Thomas verloren. Einige Trails, Aussichtstürme und Horden besoffener Vatertags-Tourer später bekam ich bei Kaffee und 2 Stück Torte die SMS, dass Marita mit gebrochenem Gepäckträger einige Zeit verloren hatte. Ich hatte mich inzwischen für einige unterhaltsame Stunden mit Stefan zusammengetan, der mit einer 1:50.000 Wanderkarte unterwegs und ganz froh war, mir und meinem Garmin folgen zu können. Allerdings nur bis zum Anstieg nach der Kaffeepause. Jegliches gutes Zureden und Füttern mit Schokolade half nicht, immer wieder musste ich warten, doch als er an einem langen Anstieg endgültig außer Sichtweite geriet musste ich mir eingestehen, dass ich von nun an wohl ganz auf mich gestellt unterwegs war. Na gut, Apple zog willig mit mir jeden Berg hoch, und ich fühlte mich viel zu fokussiert, um irgendwas zwischen uns und Kaiser Wilhelm, dessen Denkmal an der Porta Westfalica das Ziel darstellte, kommen zu lassen. An einer wunderschönen Hütte im Sonnenuntergang überm Deister kam ich dann noch an 3 weiteren Fahrern vorbei, die Jungs vom ersten Downhill, die mich während des Torte-Essens überholt hatten (jaja, typisch…). Die guckten nicht schlecht, dass ich alleine weiter in die Dunkelheit fahren wollte. Aber: es machte gerade viel zu viel Spaß, um schon aufzuhören! Auf einem genialen Single-Trail rollte ich in Lemgo ein, gerade noch rechtzeitig bevor ein freundlicher Italiener sein Restaurant abschließen wollte. Natürlich wurde ich noch bestens mit Pizza, mehr Torte und Espresso versorgt, sodass ich gestärkt im Schein der Stirnlampe Richtung Hameln pedalierte. Die Wege waren auf diesem Stück zum Glück so gut ausgebaut, dass ich auch im Dunkeln gut vorankam, selbst bergab reichte die kleinste Stufe der tollen neuen Lupine Lampe. Die Aussicht vom Klüte-Turm über Hameln und die Weser war gigantisch, begleitet von Musik aus den Handylautsprechern einiger Jugendlicher, die hier zum Knutschen mit ihren Autos raufgefahren waren. Die kurze Gesellschaft war ganz angenehm, denn bald schon hatte der Wald mich wieder. Unzählige Rehe und andere blitzende Augen schauten überrascht in meine Richtung, während ich langsam nach einem Schlafplatz Ausschau hielt. Um halb 3 hatte ich an einem Waldrand das ideale Quartier gefunden: auf einer noch pferde-losen Pferdeweide standen einige Bäume mit weichem Gras darunter, das Ganze schön mit Zaun umspannt gegen sämtliche Gefahren des Waldes. Genau das richtige Maß an Zivilisation! Das Tarp war schnell gespannt, wenige Minuten später fielen mir zufrieden die Augen zu. Um nach 6 Stunden Schlaf wieder einen wunderschönen Morgen zu erblicken! Herrlich, die Landschaft gehört mir, Apple und ich fliegen über einen einsamen Hügel nach dem anderen Richtung Detmold. Noch schnell einen Ersatzschlauch und eine Ladung Kettenfett besorgt und dann ab in mein dortiges Lieblingscafé „CUP“, von dessen weltbestem Tiramisu ich letzte Nacht mehrfach halluziniert hatte. 5000 Kalorien und eine Akkuladung für mein Garmin später frage ich mich fröhlich Richtung „Hermann“ durch, ein netter älterer Herr gerät ins Schwärmen, als er von meiner Mission hört. „Damals“ wäre er ja auch von Freiburg zur Ostsee geradelt – natürlich ohne Gangschaltung und mit einem 10 Kilo Zelt. Passionierte Radler gibt es also offenbar schon seit der Erfindung des Rades :-D Am Hermannsdenkmal angekommen fühle ich mich erhaben und schon ziemlich wie eine waschechte Cheruskerin – ich denke, die vielen anderen Besucher können den Unterschied zumindest riechen ;-) Keine Zeit für Sentimentalitäten, ich stürze mich in den nächsten Downhill, der Track nimmt selbstverständlich jeden Single-Trail mit, der an der Strecke liegt. Teilweise rutsche ich mit voller Beladung auf steilsten, verwinkelten Waldpfaden im Halbdunkeln schiebenderweise hinter Apple her, der einen tüchtigen Vorwärtsdrang hat. Dann werden wir von einem netten Pärchen auf dessen Feierabendrunde im Windschatten mitgenommen, was meinen Schnitt und meine Moral nochmal nach vorne puscht. Eine doppelte Portion Pommes auf dem Jahrmarkt in Bielefeld, dann bin ich wieder allein da draußen, die Strecke des Hermannslaufes im Nu hinter mir gelassen. Um Mitternacht stoße ich auf eine einladende Schutzhütte über Borgholzhausen. Super, der Tisch hat genau die richtigen Maße für meine Isomatte. Ich spare mir das Tarp und putze mir nach 5 Stunden Nachtruhe im Morgennebel die Zähne, während ich einen Fuchs beobachte, der friedlich über’s Feld trabt. Ich fühle mich eins mit der Natur, Apple und dem Trail. Glücklich rolle ich in Borgholzhausen ein, inhaliere 2 Croissants und begebe mich nun auf die Strecke des berüchtigten Luisenturmlaufes. Es hilft schon sehr, große Teile der Strecke zu kennen und mental vorbereitet zu sein. Genialerweise schaffe ich nun den knackigen Anstieg sogar ohne zu Schieben, wo ich noch vor 3 Monaten OHNE Gepäck klein beigeben musste. Glücklich mampfe ich auf dem Luisenturm das dritte Croissant und begegne den ersten Menschen des Tages nach der Bäckersfrau. Heimspiel! Voll im Flow vergeht der Weg bis Tecklenburg wie im Rausch, pünktlich um 12 Uhr mittags sitze ich im Café Rabbel und überlege, ob ich Sahne-Nuss, Schoko-Mousse oder Himbeer-Sahne nehmen soll. Aufgrund mentaler Erschöpfung entscheide ich mich für alle. Große Augen machen die netten Holländer am Nebentisch: sie feuern heute den Sohn bei der Ibbenbürener RTF an. Selber Radfahrer, erkennen sie meine Leistung an und geben beste Wünsche mit auf den Weg. Noch ein kleiner Zwischenstopp bei der Bio-Pommesbude, schon ziehe ich am Anstieg zum Aussichtsturm sogar noch ein paar Holländer auf dem Rennrad ab! Feind bleibt Feind ;-) Es wird immer heißer, und als mich der Hermannsweg am „Nassen Dreieck“ ausspuckt, sehne ich mich nach einem Sprung in die kühlen Fluten. Mein Navi kriegt es irgendwie nicht hin, den 3. und letzten Teil des Tracks zu laden, und so erlebe ich meine größten Orientierungsschwierigkeiten tatsächlich am vermeintlich einfachsten Stück, dem Mittellandkanal! Soviel Wasser, soviel Leitplanken... Frustriert frage ich mich unter gleißender Sonne durch Richtung Bramsche. „Bramsche?! So weit wollen Sie noch? Das sind 30 Kilometer!!“ Ich lächel und nicke nur müde, keine Kraft für Erklärungen. Kopf runter, Triathlonlenker. Angetrunkene Jugendliche versperren immer wieder den Weg, ich bin kurz davor, jemanden zu verprügeln, nachdem die Wanderer auf dem Hermannsweg schon keinerlei Einsicht hatten, mein Klingeln (ja, ich habe sogar extra eine Klingel montiert gehabt…) anders zu beantworten als sich umzudrehen, doof zu gucken und sich dann mit 4 Leuten in 5 Richtungen zu verteilen. Beruhigend rede ich auf Apple ein „Ruhig Grüner, nicht mehr weit, es läuft doch super, fast zu Hause…“. Da kommt mir fröhlich rufend Marita entgegen! Wahre Freunde riechen quasi, wann sie gebraucht werden! Sie und Thomas haben nach einer weiteren Panne (Kettenriss) entnervt aufgegeben, nach kurzer Zugfahrt ausgeschlafen und nun einen Verpflegungsposten in ihrem Bulli im Schatten am Kanal eingerichtet! Völlig verbraucht liege ich neben Golden Retriever Fanny im Fußraum und hechel mit ihr um die Wette. Währenddessen schmiert Thomas meine Kette und reicht Marita mir nasse Waschlappen. Ich bin im Bikepacking-Himmel! Danke für diese tolle Unterstützung! Mental wieder 30cm größer gebe ich Apple die Sporen: das folgende Stück sind wir vor 2 Wochen, noch mit meinem alten Rad, als Teststrecke zu dritt abgefahren. Erstmal aber noch eine doppelte Pommes am Kalkrieser Campingplatz, dann auf zur Schmittenhöhe! In luftigen Höhen von 157m üNN lasse ich mir den Eintrag ins Gipfelbuch nicht entgehen! Danach wird es langsam zäh. Der Weg schlängelt sich nicht gerade auf Ideallinie und immer wieder macht mein Garmin einen fiesen Piepton: Streckenabweichung! Nicht so einfach, wenn sich die Single-Trails verwunden durch den GPS-armen Wald schlängeln… Dann folgen endlich wieder asphaltierte Feldwege, am Venner Turm vorbei und mit Schwung über die Hügel bei Ostercappeln, in der Dämmerung sehr angenehm zu fahren… Nur noch 60km und ein gigantischer Sonnenuntergang! Ich sitze seit 18 Stunden auf dem Rad, mit ein paar Pausen, bin nun hin- und hergerissen zwischen „Durchziehen“ und nachts um 4 allein am Kaiser-Wilhelm-Denkmal mich selbst feiern oder mich unter den nächsten Baum werfen und morgen ganz entspannt bei Tageslicht eine ganz normale „Sonntagstour“ zu machen. Die nächsten zwei endlosen Anstiege nehmen mir schließlich die Entscheidung ab. Mein Hintern fühlt sich an wie auf einem Fakirbrett. Der linke Schaltdaumen hat sich durch einen winzigen Kratzer entzündet und zwingt mich, mit dem Zeigefinger umzugreifen, um zu schalten. Der Nacken tut so weh, dass mir immer wieder Bilder von Langstreckenfahrern mit einem Besenstiel unterm Trikot und einer Kinnbinde für den schweren Kopf vor Augen treten. Also, her mit dem Baum! Gar nicht so leicht im Wald... Keine Schutzhütte in Sicht. Einfach nur Weg und Bäume. Der Wind weht mir das Tarp aus der Hand… Frustriert stapfe ich weiter, da! Eine junge Buchen-Schonung. Ganz viele gerade Stämmchen in bestem Abstand. Ratz fatz hängt das Tarp, ist die Isomatte aufgeblasen. Beim Zähneputzen raschelt es im Laub. Immer lauter. Und lauter. Okaaaayy, das ist kein Reh…“Hallo?!“ „Grunz-Grunz“. Für einen Moment gefriert mir das Blut in den Adern, mein Blick sucht den nächsten Baum zum Raufklettern. Mist, alles Mini-Jungbäume! Ich mache Alarm und stampfe mit einem großen Ast auf den Boden. Sieg! Das Borstentier dreht ab. Mit dem Ast in der Hand schlafe ich erschöpft ein. 5 Stunden später fresse ich wieder Kilometer, immer im SMS-Kontakt mit Anke. Um 10 Uhr ist Treffpunkt am Grönegaubad in Melle zum ersten Triathlon der Saison. Das war mit meiner Mannschaft von der Diakonie Suchtberatungsstelle schon lange vor dem Cherusker ausgemacht. 2 Stunden rolle ich schon weiter Richtung Ziel - was ich jetzt schaffe, muss nicht mehr nach dem Triathlon gefahren werden… Schließlich sammelt Anke mich dreckverkrustetes und nicht nach Rosenblättern duftendes Elend beim Bäcker in Rödinghausen ein. Apple bleibt einsam auf dem Penny-Parkplatz. Ride you later! Zum Glück war ich ein paar Tage vorher geistesgegenwärtig genug, frische Klamotten in Ankes Auto zu deponieren, sonst hätten die Kollegen mich sicher nicht erkannt. Zum Glück darf ich Schwimmen! Badeanzug an, einmal ab-kärchern, schnell 400m hinter mich bringen und dann die Erholung genießen. Hauptsache nicht sitzen... Die Kollegen und Patienten sind begeistert von ihrem ersten Triathlon, der Abstecher hat sich gelohnt! Meine Mutter ist extra zum Anfeuern gekommen, kann leider wegen einer Plantar-Faszitis nach dem Klippenlauf selber diesmal nicht teilnehmen, baut mich aber ebenso wie Anke nochmal moralisch auf für den Endspurt. Um 15 Uhr kette ich Apple vom Penny-Ständer ab und verschwinde wieder auf dem Wittekindsweg. Natürlich habe ich stilecht wieder die vor Dreck stehenden Klamotten angezogen – schließlich ist keine (geplante) Hilfe von außen erlaubt. Ich treffe an derselben Stelle wieder auf den Track, wo ich ihn verlassen habe, also alles in Butter. Christian hat versprochen, mir von der Porta Westfalica aus entgegenzukommen und mich dort abzuholen. Nur noch 40km. Endloses Auf und Ab. Keine Menschenseele. Grüne Blätter, Waldboden. Meine Welt ist so klein geworden in den letzten Tagen und doch so viel größer. Ich stoße auf eine herrliche Bank am Waldrand in der Sonne – da sitzt Christian! Noch 20km, mein Gott ist das wenig, und doch noch sooo viel! Ich hänge am Hinterreifen von Stumpy – Christians Stumpjumper - und quatsche mir meine Erlebnisse von der Seele; vor allem, um mich abzulenken. Letzter Anstieg! Kaiserliches Gefühl am Fuße des Kaisers! Veni, vidi, veloci! Mein Gesicht ist gar nicht breit genug für mein Grinsen! Ein Kuss für Apple, dann Christian. Downhill. Ungeplante Gegenanstiege. Endlich die Weser! 2 Hauptgerichte + Nachtisch + Espresso. Zwei grüne Räder im Kofferraum und das unbeschreibliche Gefühl in mir, Teil von etwas ganz Großem zu sein. Ein gutes Kapitel geht zu Ende, aber ich spüre, dass es erst der Anfang von einer langen Geschichte ist.

Cherusker_klein.jpg

Facts: 450km – 9.500 Höhenmeter. Von Café Rabbel bis VP Marita nicht mitgetrackt, geschätzt also 500km und 10.000 Höhenmeter. 33:15 Stunden Fahrtzeit, Durchschnittsgeschwindigkeit 13 km/h. 4 Tage, 3 Nächte, 1 Wildschwein, 14.000 Kalorien verbraucht, Gegenmaßnahmen: 6 Stück Torte, 2 Tiramisu, 4 Pommes, 2 Pizza. 16 Stunden Schlaf, keinen Platten :-) Erste und einzige weibliche Finisherin (Marita befindet sich zum Zeitpunkt dieses Berichtes auf dem Trail für den 2. Versuch. Eine echte Iron-Lady gibt niemals auf!)